Otto Dix – Der böse Blick im K20 Düsseldorf

Der berühmt berüchtigte Maler Otto Dix (Gera 1891 – 1969 Singen) performte nach außen gerne den sogenannten Bürgerschreck, die Ausstellung stellt aber vor allem seine Begabung als präzisen Beobachter und Porträtisten heraus.

Die aktuelle Wechselausstellung (vom 11. Februar – 28. Mai 2017) im K20 zeigt Werke Otto Dix‘ aus seiner intensiven Schaffensphase zwischen 1922 und 1925, als dieser quasi mittellos aus Dresden nach Düsseldorf kam, in der Hoffnung auf Ausstellungsmöglichkeiten und Porträtaufträge. Die Kunstsammlung präsentiert die erste monografische Ausstellung über diese außergewöhnlich intensive Phase im künstlerischen Arbeiten und in der persönlichen Entwicklung Otto Dix‘. Seine auf sachliche Weise kritische Ausdrucksform entstand unter anderem in der avantgardistischen Künstlergruppe Das Junge Rheinland, wodurch er von einer expressiv-veristischen und dadaistischen Handschrift zu einer neusachlichen und gleichzeitig unverkennbaren Darstellung eines Porträtisten kam.

Kunst machten die Expressionisten genug, wir wollten die Dinge ganz nackt, klar sehen, beinahe ohne Kunst. Die Neue Sachlichkeit, das habe ich erfunden. (Dix 1965)

In der Ausstellung beeindrucken gleichermaßen die Porträts, welche die altmeisterliche Malweise Dix‘ zeigen, als auch die zahlreichen Skizzen und Aquarelle, welche durch ihren eher flüchtigen Duktus auf die expressive Malweise verweisen. Beide Ausdrucksformen fangen auf unterschiedliche Weise die Menschen und Stimmungen mit einer fast unheimlichen Authentizität und Intensität ein, dass man den Eindruck gewinnt die Menschen und Orte in Dix‘ Bildern zu kennen. Dies lässt auch Rückschlüsse auf Dix als Person zu, dem es als sachlichen Beobachter gelungen ist die Farbe eines jeden Menschen zu finden, die er als ein Mittel das Individuelle auszudrücken verstand. Ebenso die Auseinandersetzung mit den Schrecken und Abgründen aller Menschlichkeit nicht zu scheuen. Man spürt den Anspruch die Wirklichkeit abzubilden und dem Betrachter wahrhaftig nackt zu servieren.

Auch in seinen Bildern, die von Eros und Tod oder Begierde und Macht handeln, wählte Dix eine drastische und unverklärte Bildsprache, um die abgründigen Seiten des Menschen darzustellen, dessen Viehmäßigkeit Teil seiner Natur sei. Hierzu gehört auch der Krieg, dessen Grausamkeit er in den 1920er Jahren zum Thema einzelner Arbeiten und Zyklen machte.

Auf der einen Seite offenbart sich ein fast erschreckend sachliches Interesse Dix‘ für die Psychologie des Verbrechens und menschlicher Abgründe. Des Weiteren lernen wir den Künstler in der Ausstellung, dazu scheinbar widersprüchlich, als sensiblen Menschen kennen. Als provokativer Dandy, ausgestattet mit feinen Schuhen, Duft und Haarschmuck, inszenierte sich Dix in oberflächlicher Pracht nach außen. In seinen Selbstbildnissen hat er seinen Blick nach innen gerichtet und erstaunt festgestellt, dass er ganz anders aussähe, als er sich selber zuweilen dargestellt hatte. Dabei ging es Dix um den stetigen Prozess, auf künstlerischer und persönlicher Ebene, welcher ständige Veränderung und Entwicklung ankurbelt. In dieser Auseinandersetzung ist er unter anderem zu der beeindruckend modernen Erkenntnis gekommen, dass der Künstler Mann und Weib zugleich sei.

[…] beide Naturen sind in ihm stark, schroff und gegensätzlich gebunden. (Dix 1965)

Das ist nur logisch, müsse der Künstler doch in erster Linie purer Mensch sein, um zu dieser Präzision der Wirklichkeit zu gelangen.

Dix hat den Blick für das, was hinter der Fassade eines Menschen steht, nie verloren, auch nicht auf sich selbst. Mehr noch ist es ihm gelungen, diesen Kern eines jeden Menschen oder einer Begebenheit, auf die Leinwand zu bringen. Er war wohl, wie alle großen Künstler seiner Zeit, ein Getriebener, der auf seine Weise, mit der schonungslosen Darstellung der Wirklichkeit, wahrscheinlich auch versucht hat wach zu rütteln. Ein Zeitgenosse, der fast zur selben Zeit gelebt hat wie Dix, Hermann Hesse (Calw 1877 – 1962 Montagnola, Tessin) hat dies auch versucht. Sein Fokus lag auf einer konträren, parallelen Wirklichkeit zu der von Dix, welche die Schönheit der Phantasie und die Ermutigung wahre Liebe zuzulassen herausstellte. Beide haben sich zum Ende ihrer Lebzeit für ein Leben in ländlichen Regionen und für eine gewisse Einsamkeit entschieden. Vielleicht um Abstand zu anderen Menschen zu bekommen, bekommen zu müssen, um nicht an ihrer eigenen Arbeit unterzugehen.

Die Ausstellung im K20 widmet sich einer besonderen Schaffensphase Otto Dix‘ und zeigt eine sehenswerte Auswahl an Werken dieser produktiven Zeit. Außerdem wird seine Vielschichtigkeit als Künstler, sowie als Mensch, deutlich.

Mehr Eindrücke aus der Ausstellung finden Sie hier:

Otto Dix – Der böse Blick, K20 Düsseldorf

Autor: Nora Wessel

Bildnachweis © Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Selbstbildnis mit Staffelei, 1926, Tempera auf Holz.

Literatur:

  • Plank Annika: Otto Dix – Der böse Blick, Begleitheft anlässlich der gleichnahmigen Ausstellung, 11. Februar – 28. Mai 2017, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20 Grabbeplatz Düsseldorf.

© 2017

Veröffentlicht von modernperformingart

Nora Wessel (M.A.), Kunsthistorikerin und Romanistin. Agentur für Kunstberatung. Master Abschluss im Frühjahr 2020 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Masterarbeit in der Professur KUN IV – Bildwissenschaft für moderne und zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie. Bachelor Abschluss 2013 im Fach Kunstgeschichte und Romanistik/Spanisch an der Universität Osnabrück. Teilnahme am Ausstellungsprojekt des Kunsthistorischen Institutes im WS 2010/11, Mitgestaltung der Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, in Kooperation mit der VG-Initiative Osnabrück in der Sparkasse Osnabrück und den Folgeausstellungen im WS 2011/12 „Carl Krasberg – farbe²“ und „Diethelm Koch – Der Kosmos denkbarer Möglichkeiten“ auf der Ausstellungsfläche martini|50 und in der galerie vordemberge-gildewart. 3-monatiges Sprachpraktikum auf Fuerteventura 2011, im Stella Canaris Hotels & Resort (Bereich Hotelmanagement); 2-wöchiger Sprachkurs in Vancouver/Kanada 2007. Seit Juli 2019 im Team von Colonia Art als Texterin und für die Korrespondenz mit Künstlerinnen und Künstler sowie die Organisation der Materialien und Status der Präsentationen. Weitere Veröffentlichungen: „Farbe Form Format – Konzepte offener Bildprozesse“, zusammen mit Christin Albrecht, in: Ausstellungskatalog zur Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, Osnabrück 2011. Rubrik „Wahl des Kurators“ auf der Kunstplattform Colonia Art: https://www.colonia-art.com/de/content/13-wahl-des-kurators Kunst ist so essentiell wie ein ‚Lebensmittel‘, Nahrung für den Geist und die Seele. Ich bin seit der Kindheit fasziniert von allen Formen künstlerischen Ausdrucks, neben den sogenannten Bildenden Künsten interessiere ich mich auch für Musik und Literatur. Ich bin immer wieder berührt und erstaunt von der Unmittelbarkeit und Präsenz, die in Klang, Poesie, Performance und in Farbe und Form zum Ausdruck kommen. Diese kreativen und vornehmlich textlosen Formen der Kommunikation kreieren eine universelle Sprache der Auseinandersetzung, die jeder verstehen kann und somit zutiefst menschlich sind. https://linktr.ee/modernperformingart

7 Kommentare zu „Otto Dix – Der böse Blick im K20 Düsseldorf

  1. Danke für den schönen und interessanten Beitrag.
    Gerade diese beiden Sätze „Beide haben sich zum Ende ihrer Lebzeit für ein Leben in ländlichen Regionen und für eine gewisse Einsamkeit entschieden. Vielleicht um Abstand zu anderen Menschen zu bekommen, bekommen zu müssen, um nicht an ihrer eigenen Arbeit unterzugehen.“ haben mir ein tieferes Verständnis für die Rückwirkung wirklich tiefer Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen ermöglicht. Den Effekt kenne ich, aber ich wusste nicht, dass man ihn durch diese Art künstlerischer Tätigkeit erreichen kann.
    🙏👍🤗

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für den besonderen Kommentar. Ich habe immer wieder festgestellt wie sehr sich Autor und Werk doch gegenseitig bedingen. Die Auseinandersetzung mit den Biografien lässt oft neue Rückschlüsse zu. Und das Heilsame der Kunst auf den Geist an sich erlaubt Empathie für die Personen hinter den Kunstschaffenden.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ein Werk, welches die Menschen berührt, ist am Ende ein Stück des Schaffenden selbst, ein nach außen gebrachter Teil seines Inneren.
        Und wenn der Schaffende dabei versucht, etwas wiederzugeben, das eigentlich außerhalb von ihm selbst liegt, wird er zum Mittler, zum Medium, zerrissen zwischen dem Subjekt, dass er „beobachtet“, und dem Objekt, welches er kreiert.
        Das ermöglicht tiefe Einblicke in das Wesen der Dinge, ist aber auch eine sehr schwere Belastung. Viele Menschen mit einer solchen „Berufung“ ziehen sich irgendwann zurück, werden leise, suchen eine Art von Frieden, die es in der meist kleinkarierten Welt „normaler“ Menschen kaum gibt.
        Das wäre eine Erklärung für dieses Verhalten.
        👍🙏🤗

        Gefällt 1 Person

  2. Ein wunderbarer Beitrag.
    Dix und einen Teil seines Lebens habe ich das erste Mal auf der Halbinsel Höri im Bodensee bewusst wahrgenommen. In seinem dortigen Haus sieht und hört man auch einiges von seinem Familienleben.
    Ich glaube, er war mit Hesse, der ein Haus im Nachbarort hatte, zur selben Zeit am Bodensee.
    Beide, das Dix- Haus und das Hesse-Haus sind für Besucher geöffnet – ein Besuch ist sehr spannend.

    Gefällt 1 Person

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