Performance zwischen Kunst und Pop: Deichkind

Hässliche Musik, die Spaß macht und gesellschaftliche Konsense dekonstruiert.

„Wir versuchen diffus zu bleiben.“
Diese oder ähnliche Aussagen fallen bei der Hamburger Band Deichkind immer dann, wenn es um eine Festlegung auf politische Themen und aktuelle Gesellschaftskritik geht. Die Band versteht sich als ein offenes Forschungsprojekt, das unter den Rahmenbedingungen der Bestandsaufnahme und der Ironie-Falle arbeitet. Das daraus resultierende Bandkonzept setzt auf eine Form von Inszenierung und Sprache, die eine bestimmte Resonanz provozieren soll.

Deichkind-Konzert in der Schräglage, Stuttgart, Februar 2015, © STUTTGARTER-ZEITUNG.DE (2015), Foto: Ina Schäfer.

Des Weiteren lässt sich eine Parallelisierung von künstlerischen Disziplinen (bei Deichkind: Musik, Text, Media, Performance) zur Bildung einer synästhetischen Einheit insbesondere bei den performativen Künsten erkennen, deren gattungsübergreifendes Handeln durch die Prozesshaftigkeit performativer Ästhetik bedingt wird. Diesem Zusammentreffen im ästhetischen Akt geht die Wandlung des Kunstbegriffs im Allgemeinen voraus, der sich seit dem 20. Jahrhundert immer mehr über eine reine Idee oder Handlungsanweisung − im Sinne einer Orientierung an ästhetischen Metabolismen − definiert als über eine visuelle und haptische Erfahrbarkeit im musealen Kontext. Diese Transformation hat im kunsthistorischen Diskurs die Idee vom Konzept eines performativen Gesamtkunstwerks hervorgebracht, das durch eine gegenseitige Bedingtheit von Lebenswirklichkeit und Kunst Aktualität in Prozessen katalysieren und so verändernd auf die Gesellschaft wirken kann.

Prozesse, die Wirklichkeit konstituieren, überschreiten „gehärtete und selbstevidente Normativitäte[n]“ und stellen so gesellschaftliche Zustände infrage. Die philosophische Frage nach der Wahrheit und danach, wem die Wahrheit gehört, wertet Monica Miller als Teil der HipHop-Kultur, wobei festgeschriebene Zusammenhänge der Realität als theoretische Fiktionen überdacht werden. In dieser Tradition spielt auch Deichkind mit Identitätsbildung als sozial-performative Konstruktion. Im Sinne des Performativitätsprinzips, bei dem durch Wiederholung festgelegter Normen Identität geschaffen wird, konterkariert Deichkind dieses Prinzip in der Zurschaustellung von Konsensen des Konsums, der Medien oder gesellschaftlicher Eingliederung innerhalb der kollektiven Grenzauslotung mit dem Publikum und dessen Aufwiegelung. Mit der Hinterfragung der Wirklichkeit als dem HipHop zugrunde liegenden Kultur-Prinzip von Dekonstruktion, im Rahmen einer maximal ausgeleuchteten Reflexion der Gegenwart, ist Deichkind am performativen Pol der HipHop-Kultur einzuordnen. Darüber hinaus lassen sich konkrete Bezüge zu Handlungsprinzipien künstlerisch performativer Praktiken herstellen, von (Neo-)Avantgarde bis zu zeitgenössischen Formen performativer Kunst.

Szenen aus: Deichkind – Richtig Gutes Zeug, 2019, © 2014-2020 DIFFUS – das digitale Musikmagazin für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

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Titelbild aus Deichkind: Eine Prise Mythos, 2012, Reportage © Nikolaus Brade.

Autorin: Nora Wessel

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Literatur
Ewert, Laura: Deichkind-Interview, ZEIT ONLINE 2015.
Vinzenz, Alexandra: Vision „Gesamtkunstwerk“: performative Interaktion als künstlerische Form, 2018.
Miller, Monica im Gespräch mit Sookee: Anleitung zur Dekonstruktion, in: Philosophie des HipHop: Performen, was an der Zeit ist, hrsg. v. Manemann, Jürgen (u. a.), 2018.

© 2022

Veröffentlicht von modernperformingart

Nora Wessel (M.A.), Kunsthistorikerin und Romanistin. Agentur für Kunstberatung. Master Abschluss im Frühjahr 2020 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Masterarbeit in der Professur KUN IV – Bildwissenschaft für moderne und zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie. Bachelor Abschluss 2013 im Fach Kunstgeschichte und Romanistik/Spanisch an der Universität Osnabrück. Teilnahme am Ausstellungsprojekt des Kunsthistorischen Institutes im WS 2010/11, Mitgestaltung der Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, in Kooperation mit der VG-Initiative Osnabrück in der Sparkasse Osnabrück und den Folgeausstellungen im WS 2011/12 „Carl Krasberg – farbe²“ und „Diethelm Koch – Der Kosmos denkbarer Möglichkeiten“ auf der Ausstellungsfläche martini|50 und in der galerie vordemberge-gildewart. 3-monatiges Sprachpraktikum auf Fuerteventura 2011, im Stella Canaris Hotels & Resort (Bereich Hotelmanagement); 2-wöchiger Sprachkurs in Vancouver/Kanada 2007. Seit Juli 2019 im Team von Colonia Art als Texterin und für die Korrespondenz mit Künstlerinnen und Künstler sowie die Organisation der Materialien und Status der Präsentationen. Weitere Veröffentlichungen: „Farbe Form Format – Konzepte offener Bildprozesse“, zusammen mit Christin Albrecht, in: Ausstellungskatalog zur Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, Osnabrück 2011. Rubrik „Wahl des Kurators“ auf der Kunstplattform Colonia Art: https://www.colonia-art.com/de/content/13-wahl-des-kurators Kunst ist so essentiell wie ein ‚Lebensmittel‘, Nahrung für den Geist und die Seele. Ich bin seit der Kindheit fasziniert von allen Formen künstlerischen Ausdrucks, neben den sogenannten Bildenden Künsten interessiere ich mich auch für Musik und Literatur. Ich bin immer wieder berührt und erstaunt von der Unmittelbarkeit und Präsenz, die in Klang, Poesie, Performance und in Farbe und Form zum Ausdruck kommen. Diese kreativen und vornehmlich textlosen Formen der Kommunikation kreieren eine universelle Sprache der Auseinandersetzung, die jeder verstehen kann und somit zutiefst menschlich sind. https://linktr.ee/modernperformingart

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