Christoph Schlingensief. Kaprow City

Eine tonlose filmische Skulptur mit raumgreifenden Erfahrungsebenen

Die Kunstsammlung NRW K20 hat bis zum 17.10.2021 die multimediale Installation „Kaprow City“ gezeigt, die Schlingensief ursprünglich als Kulisse auf einer Drehbühne für sein letztes Theaterstück auf der Berliner Volksbühne 2006 konzipierte. Die für Schauspieler*innen und Publikum begehbare Installation war als chaotische Materialschlacht angelegt, die einer akustischen und visuellen Reizüberflutung diente.

2007 gestaltete Schlingensief das Bühnenbild als eigenständiges museales Kunstwerk um, als das es für die Ausstellung „Querverstümmelung“ im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich erstmals gezeigt wurde. Im Sinne einer nach dem Migros Museum „(Re-)Dekonstruktion“ verarbeitete Schlingensief drei Viertel der ursprünglichen Theaterbühne, wobei die Raumsegmente mit Filmausschnitten anstelle von Requisiten bestückt wurden, sodass die einzelnen Räume wie Kinos fungieren, in denen unterschiedliche Themen und Ideen im Kontext überbordender Assoziationsstränge verhandelt und angeboten werden.

Christoph Schlingensief „Kaprow City, 2007“. Multimediale Installation. © 2021 Kunstsammlung NRW, Nachlass Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz

Christoph Schlingensief „Kaprow City, 2007“. Multimediale Installation, Planung der Drehbühne. © 2021 Kunstsammlung NRW, Nachlass Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz

Unter Bezugnahme auf den amerikanischen Begründer des Happenings als hybride interaktive Performance konfrontiert uns die Installation mit Überlegungen aus Kunst und Leben des Autors. So wird der Unfalltod von Lady Diana und das damit verbundene mediale Großereignis als ‚Weltbühne‘ entlarvt, in der Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. Im Zuge von Schlingensiefs „Hybrid WorkSpace“ für die documenta 1997, der als eine Art raumgewordenes Internet in der Funktion einer sozialen Schnittstelle und eines Katalysators fungierte, verkündete Schlingensief über Lautsprecher auf die Terrasse der Orangerie in Kassel den Tod Dianas bevor der tatsächliche Autounfall Realität wurde. Im Knäul aus Kunst und Leben, Fiktion und Wirklichkeit, kam es zu einer Festnahme Schlingensiefs und anderer Beteiligter der Kunstaktion.

Amateurfilmaufnahmen von Schlingensiefs Vater sowie Teile des Kurzfilms „Fremdverstümmelung“ verweisen auf eine persönliche Auseinandersetzung mit einer durch Medien gesteuerten Außen- und Fremdwahrnehmung, derer Sensationsgier in einer entstellten Fratze von Wahrheit gipfelt, an der sich eine gläserne Gesellschaft emotional, um Willen eines Gefühls von Lebendigkeit, labt. In diesem Sinne lassen sich in der Installation auch Bilder von unscharfen Unfalltoten in collagenartiger Anordnung finden. Bei genauerer Betrachtung entdeckt man in der Wand ein kleines Objektiv, wie von einer Kamera mit der die Reaktionen auf die Bilder festgehalten werden sollen, wobei die Situation des Gaffens umgekehrt wird.

Christoph Schlingensief „Kaprow City, 2007“. Multimediale Installation. © 2021 Kunstsammlung NRW, Nachlass Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz

Christoph Schlingensief „Kaprow City, 2007“. Multimediale Installation. © 2021 Kunstsammlung NRW, Nachlass Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz

Schlingensiefs Arbeitsweise mit freien Assoziationen und dem Prinzip der Überforderung eine reflexive Ebene, die Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen lässt und verhandelt, zu konstruieren hat sich einem gesellschaftsumfassenden Kunst- und Lebensraum gewidmet, das an ein Zeitgeschehen und dessen Zeitgenossenschaft geknüpft ist. Hierbei war Schlingensief bereits zu Beginn der 2000er Jahre seiner Zeit voraus, indem er in seinen sogenannten Real-Performances die multimedialen Konsequenzen einer digitalen Revolution vorwegnahm.

In „Kaprow City“ ist die Anwesenheit des Künstlers zurückgefahren, sodass uns das vom Provokateur emanzipierte Kunstwerk auf uns selber zurückwirft mit den aufgeworfenen Inhalten zu interagieren.

Christoph Schlingensief „Kaprow City, 2007“. Multimediale Installation. – Church of Kaprow City. Praying for a World of Nonsense – © 2021 Kunstsammlung NRW, Nachlass Christoph Schlingensief in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz

Erfahren Sie mehr zu Christoph Schlingensief im Beitrag „Performance und Provokation: Christoph Schlingensief“

Autorin: Nora Wessel

© modernperformingart 2021, Fotos direkt in der Ausstellung aufgenommen.

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Veröffentlicht von modernperformingart

Nora Wessel (M.A.), Kunsthistorikerin und Romanistin. Agentur für Kunstberatung. Master Abschluss im Frühjahr 2020 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Masterarbeit in der Professur KUN IV – Bildwissenschaft für moderne und zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie. Bachelor Abschluss 2013 im Fach Kunstgeschichte und Romanistik/Spanisch an der Universität Osnabrück. Teilnahme am Ausstellungsprojekt des Kunsthistorischen Institutes im WS 2010/11, Mitgestaltung der Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, in Kooperation mit der VG-Initiative Osnabrück in der Sparkasse Osnabrück und den Folgeausstellungen im WS 2011/12 „Carl Krasberg – farbe²“ und „Diethelm Koch – Der Kosmos denkbarer Möglichkeiten“ auf der Ausstellungsfläche martini|50 und in der galerie vordemberge-gildewart. 3-monatiges Sprachpraktikum auf Fuerteventura 2011, im Stella Canaris Hotels & Resort (Bereich Hotelmanagement); 2-wöchiger Sprachkurs in Vancouver/Kanada 2007. Seit Juli 2019 im Team von Colonia Art als Texterin und für die Korrespondenz mit Künstlerinnen und Künstler sowie die Organisation der Materialien und Status der Präsentationen. Weitere Veröffentlichungen: „Farbe Form Format – Konzepte offener Bildprozesse“, zusammen mit Christin Albrecht, in: Ausstellungskatalog zur Ausstellung „gestalten, forschen und erfinden – idee und erbe der systematischen nichtfigurativen kunst“, Osnabrück 2011. Rubrik „Wahl des Kurators“ auf der Kunstplattform Colonia Art: https://www.colonia-art.com/de/content/13-wahl-des-kurators Kunst ist so essentiell wie ein ‚Lebensmittel‘, Nahrung für den Geist und die Seele. Ich bin seit der Kindheit fasziniert von allen Formen künstlerischen Ausdrucks, neben den sogenannten Bildenden Künsten interessiere ich mich auch für Musik und Literatur. Ich bin immer wieder berührt und erstaunt von der Unmittelbarkeit und Präsenz, die in Klang, Poesie, Performance und in Farbe und Form zum Ausdruck kommen. Diese kreativen und vornehmlich textlosen Formen der Kommunikation kreieren eine universelle Sprache der Auseinandersetzung, die jeder verstehen kann und somit zutiefst menschlich sind. https://linktr.ee/modernperformingart

5 Kommentare zu „Christoph Schlingensief. Kaprow City

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